Lokschuppen Herzberg

Bahnbau Berlin-Falkenberg-Dresden

Bahnbau Berlin-Falkenberg-Dresden

... ein Bericht aus dem Jahr 1927

Vor 80 Jahren war es im Dörfchen Falkenberg. Der Bauer Apitz hatte frühzeitig den Wagen beladen, um Körner zum Mahlen nach der Mühle zu bringen, die Bäuerin brauchte Mehl zum Brotbacken. Mit “Hüh” ging es aus
dem Tor, doch schon nach kurzer Fahrt auf der Dorfstraße hielt ein “Brr” das
Gespann an. Entgegen kam der Bauer Schütze gefahren. Auch er hielt sofort.

“ Nischt genutzt hat se, unsre Schreiberei, die Bahne kimmt, se wird gebaut,”

so begann letzterer die Morgenunterhaltung unwirsch.

“ Durch de scheensten Aecker geht se!”

--- “Ja ich weiß!” so sagte darauf Apitz,

“ich hawe die Revisors und die Vermesser ooch gesehn, mitten durch die schene Hede geht se!”

Auch Bauer Böttcher wollte zum Felde. Unaufgefordert hielt auch er seinen Braunen an. Er wusste von der Unterhaltung, ohne sie gehört zu haben.

“Gestern war ich in Herzberg zu Markte”

so fiel er ein,

“da kommt der Bahnhof eene halbe Stunde von de Stadt, se wollen dort de Bahne ooch nich!”

Bauer Große, der Ortsrichter, saß bei der Morgensuppe. Er hatte gesehen, dass drei Gespanne auf der Dorfstraße halten, da mußte er auch dabei sein. Er wusste ja am besten, dass die neumodische Sache nur die Ursache des Diskurses seiner Nachbarn sein konnte. Flugs war er draußen bei den dreien.

“Hm, der Gnädge”

-- gemeint war der Rittergutsbesitzer von Schaper --

“hat mir gesagt, das Sträuben nüßt nischt, das Land wird gut bezahlt, wenn wir den Vertrag nich unterschreiben wird trotzdem gebaut. De Regierung hat de Bahne genehmigt.” Die Regierung!”

Das war ein Wort! Sie stand noch hoch im Ansehen anno 1847, da galt es also, sich in das Unvermeidliche fügen.

Und die Zeit ging Ihren Schritt. Bald hallte der Wald von den Axtschlägen der Holzfäller wider. Fremde Arbeiter kamen mit Karre und Schippe, fremde Maurer mit Hammer und Kelle. Steine, Sand und Kalk mußten tüchtig angefahren werden. Die Strecke wurde hergestellt, der Bahnhof gebaut.
Fast so groß wie das Herrenhaus im Dorfe sollte er werden. Da gab es viel Neues für die Jungens zu sehen, aber auch die Alten überzeugten sich von dem Fortschreiten des Baues. Wurden doch Wunderdinge von der Bahn erzählt. Herzberg, 3 Stunden zu Fuß, sollte mit der Bahn in einer Stunde zu erreichen sein. Und gar erst Berlin. Zu Fuß fast 3 Tage, mit dem Dampfroß in
in etwa 8 -- 9 Stunden.

Für Falkenberg brachte der Bau immer schon etwas Vorteil. Die Bauleute schliefen, aßen und tranken hier lange Zeit. Der Arbeiter Scharsig merkte bald, dass die “Schlesinger” großen Bedarf an Heringen, Priem, Tabak und süffigem Korn hatten. Er wurde Händler und in seiner Wohnung -- das kleine Haus zur jetzigen Wirtschaft Schneider in der Lindenstraße gehörig --- avanrierte zum ersten Kaufladen im Ort. Später baute Scharsig das Haus in der jetzigen Jahn-Straße, er hatte, etwas verdient. Bei der Inbetriebnahme der Bahn am 01. Oktober 1848 gab es Freifahrt bis Herzberg. Doch die billige Fahrt wurde nicht voll ausgenutzt. Man traute dem pustenden Dinge nicht recht. Die Strecke Jüterbog -- Röderau war eingleisig, die Bahnhöfe Herzberg, Falkenberg und Burxdorf fast nach einer Zeichnung, zum verwechseln ähnlich. Anfänglich verkehrten täglich drei Züge hin und her.
Es waren Güterzüge, denen einige Personenwagen beigefügt waren.
Die ersten Bahnhofsvorsteher in Falkenberg hießen Lappe und Schröber, der Beamtenbeistand war der Telegraphist Hentschel, dessen Frau die Restauration besorgte. 2 Weichensteller, Schottke und Jakob, hatten Anstellung. Rangierer, Arbeiter und Wasserpumper zugleich waren Bucke und Warkus. Bei Ladungen von Holz half der Arbeiter Traugott Hendel. War einmal ein Waggon - Ent- oder Beladung, so geschah das Rangieren mit einem Pferde, das Vorspann leistete und den Eisenbahnwagen zog. Das es damals recht kräftige Leute gab, ist den Falkenbergern, die sich der ersten Bahnjahre noch erinnern, gut im Gedächnis halten geblieben. Ein vollgeladener Holzwagen war mit dem Hinterrade beim Ausweichen ins rutschen gekommen, an einen Baum angefahren und saß nun fest. Ein Zurückschieben ging nicht, der Wagen geriet sonst in den Graben. Da war guter Rat teuer und schon wurde an das Abladen gedacht. Da kam der Zimmermann Traugott Wunderlich des Weges daher. Der besah sich nicht lange den Schaden. Er faßte den Wagen hinten mit beiden Händen. Hub, hub, ging es und schon war der volle Lastwagen eine gute Elle vom Hindernis und weiter durchfurchte das Gespann den sandigen Weg, der Bahn entgegen.
Der erste Bau in der Nähe des Bahnhofes, direkt an der Straße nach Uebigau, erfolgte bald. Der herrschaftliche Förster Kühne, dessen Wohnhaus im Parke, im Eingang von Köppes Gasse aus, sich befand, baute ein Eigenheim. Da erwies sich die Bahn bereits als praktisch. Die Arbeiter luden die Mauersteine an der Ziegelei auf und schoben sie auf Loren auf dem Schienenstrange bis zum Bauplatz. Dieses Haus wurde 25 Jahre der Schügnersche Gasthof, der dann zum Hotel erweitert wurde. Die Bahn selbst fand nach und nach mehr Freunde. Als in den 70 Jahren die Strecke Halle - Cottbus und Wittenberg - Kohlfurt und Ende der 90 er die Niederlausitzer Bahn gebaut wurde, da gab es keine Widersacher mehr. Die Einwohnerschaft hatte den Nutzen der Bahn erkannt, sie hatte erkannt, dass die Bahn der Grundstock zum Aufblühen des Ortes gewesen.
Der Dampfzug ist bereits teilweise durch den elektrischen Zug abgelöst, er hat Rivalen in dem Kraftwagen und dem Flugzeug erhalten. Ein geordneter Luftverkehr erstreckt sich bereits über den Erdball. Wie wird es in abermals 80 Jahren sein? Vielleicht sind dann jetzt noch ungeahnte Naturkräfte dem Verkehr dienstbar gemacht. Vielleicht ist dann unter “Luweve” nicht mehr der Luftwelt=, sondern der Luft=Wellen=Verkehr zu verstehen. Riesige Lasten werden vielleicht mit ungeahnter Schnelligkeit von unsichtbaren Gewalten durch die Luft nach festen Naturgesetzen getrieben. Aehnlich wie heut der Radio übermittelt. Eine Reise Falkenberg - Berlin 5 Minuten, Berlin - Neuyork ½ Stunde. Vielleicht? Das sich ja auch mancher Traum der Phantasten Jules Verne fast voll erfüllt.


Quelle: A.Hentschel
Heimatkalender Bad Liebenwerda 1927