Lokschuppen Herzberg

100 Jahre Bahnhof Dahme

100 Jahre Bahnhof Dahme 1986



Der Bahnhof Dahme, so wie er sich uns heute darstellt, ist fast ein kleines Kuriosum. Es gibt zwar nun immerhin seit 1968 keinen Personenverkehr mehr, sowohlaber einen Fahrkartenschalter und auch eine Bahnhofsgaststätte. Doch das hat seinen guten Grund und hier wollen wir über die Entstehung dieser Bahnlinie berichten. Das deutsche Eisenbahnnetz entstand im wesentlichen in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, nachdem bereits 1835 die erste deutsche Eisenbahnlinie von Nürnberg nach Fürth, eröffnet wurde. Wohl keiner der an diesem Bahnbau beteiligten hat damals geahnt, welche insbesondere wirtschaftliche Bedeutung der neue Verkehrsträger für die gesellschaftliche Entwicklung haben wird. So war es auch mit unserer Bahnlinie.

Vierzig Jahre mußten noch vergehen, ehe die erste Bahn das Gebiet des heutigen Kreises Luckau berührte, denn 1875 wurde die Berlin—DresdenerBahn eröffnet. Zeitgenössische Dahmer Quellen schreiben übereinstimmend davon, das dieStrecke ursprünglich von Baruth über Dahme gelegt werden sollte. Das wurde jedoch von einer Gruppe einflußreicher Dahmer Bürgern, an ihrer Spitze der damalige Bürgermeister verhindert.
Nachdem also am 17. Juni 1875 die Berlin—Dresdener Bahn eröffnet wurde,erkannte man in Dahme, daß man durch diese Streckenführung im Zusammenhang mit der Jüterbog berührenden und schon seit 1840 bestehende Berlin-Anhalter—Bahn in den toten Winkel geraten war. So griff man mit Freude 1880/81 ein Projekt des RegierungsbaumeistersBehrend, Berlin, auf das eine normalspurige Sekundärbahn Dahme—Uckro-Luckau vorsah.

Man muß dem Projektanten eine gewisse Weitsichtigkeit zuerkennen, denn es war eine Weiterführung nach Jüterbog und damit ein Anschluß an die Berlin-Anhalter Bahn vorgesehen und von Luckau aus eine solche nach Lübbenau und eine weitere über Schipkau nach Senftenberg.

Dieses Projekt wurde wärmstens von der Direktion der Schipkauer Braunkohlenwerke unterstützt, hätte es doch als kürzeste Verbindung zum mitteldeutschen Industrieraum einen neuen Absatzmarkt erschlossen.Nun zeigte sich aber, daß die 7 Millionen Mark, die bei dem geplantenStreckennetz von 116 km mindestens gekostet hätte, nicht aufgebracht werden konnten.Sc; schrumpfte das Projekt schön bald auf eine Streckenführung Dahme—Uckro-Luckau zusammen, für die 1,1 Millionen Mark veranschlagt wurden. Wie der Chronist berichtet, fand dieses Projekt 1884 in Luckau noch wenigAnklang, so das tatsächlich nur noch der Streckenbau Dahme—Uckro ernsthaft ins Auge gefaßt wurde. In Dahme hatte es also einen völligen Meinungswandel zum Bahnbau ge-geben. Hier hat inzwischen auch der Bürgermeister gewechselt. Das Bürgermeisteramt wurde für kurze Zeit von einigen Herren bekleidet bis Ludwig vonSchell (bis 1901) das Bürgermeisteramt ausübte. Einem sehr rührigem Komitee gelang es nach zähen Verhandlungen die Lizenz zum Bahnbau auf der Grundlage des Behrendschen Projekts für die Strecke von Dahme — nach Uckro zu erhalten. Die Finanzierung in Höhe von 700.000 Mark sollte über eine zu gründendeAktiengesellschaft erfolgen. Im Juli 1884 waren dann alle technischen Planungsarbeiten abgeschlossen. Als dann noch die letzten Fragen hinsichtlich der Finanzierung geklärt waren, fehlte eigentlich nur noch die definitive Konzession zum Bau.

Diese wurde von dem Preußischen Minister der öffentlichen Arbeiten, Maibach, am 18. Mai 1885 erteilt.

Da das Komitee mit Sicherheit davon ausgehen konnte, daß diese Konzessionserteilung nur eine Frage der Zeit sei, hatte man bereits vorher mit den ersten Arbeiten am Bahnhofsgebäude in Dahme begonnen, so das sich das Kuriosum von zwei „Ersten Spatenstichen" ergab. Einmal ein „Provisorischer" am 31. März 1885 auf der Baustelle BahnhofDahme, dann noch einmal, diesmal der „entgültige" am 16. Juli 1885 bei Rosenthal. Nun ging der Bau eigentlich schnell vonstatten, denn nach dem am 11. Mai1886 das Bahnhofsgebäude gerichtet wurde, erfolgte am 31. Juli 1886, also nach nur 16 monatiger Bauzeit, die feierliche Eröffnung der Bahnlinie. Doch vorher sollte noch ein folgenschwerer Unfall geschehen: Am Vorabend der Eröffnung, also am Abend des 30. Juli 1886 fuhr noch ein mal ein Arbeitszug von Dahme nach Uckro, um einige dort lagernde Baugeräte und anderes nach Dahme zu holen. Um diese Zeit, es war gegen22.00 Uhr, befanden sich eine Menge interessierte Bürger auf dem Gelände des Dahmer Bahnhofs. Einigen von ihnen wurde durch den Lokführer Gelegenheit zur Mitfahrt natürlich auf offenen Loren gegeben, darunter dem Rosenthaler Lehrer Grünewald mit seinem Sohn. Es war abgesprochen, daß auf der Rückfahrt an der Rosenthaler Rampe (nicht mehr vorhanden) zum Absteigen gehalten wird. Wie der Chronist berichtet, hat der Lokführer jedoch in folge der Dunkelheit den Wegübergang verfehlt und hielt kurz hinter der Rampe. Nun gab er das übliche Zeichen zum RückWärtsdrücken und fuhr rückwärts an.
Grünewalds kannten das Signal verständlicher Weise nicht und waren bereits beim Absteigen über die Rückwand. Das sollte für Vater und Sohn zum Verhängnis werden. Grünewald sen. wurde vom Wagen umgestoßen. Dabei lag er glücklicher Weise so zwischen den Schienen, daß der gesamte Zug einschließlich Lok über ihn hinweg rollte, ohne das er nennenswerten Schaden
nahm, denn der Zug wurde von einer Arbeitslok mit relativ hoch angebrachten Schienenräumern gezogen. Bei der Linienlok hätte ihn der dort tiefer liegende Schienenräumer zerquetscht.
Weit schlimmeres geschah seinem Sohn. Der war beim Absteigen irgendwohängen geblieben und kam zu Fall. Dabei brach er sich den rechten Oberschenkel und sein linker Arm lag so auf den Schienen, daß dieser der Länge nach vom Zug überrollt wurde.

Der junge Mann wurde sofort, in das erst wenige Monate vorher in Betrieb genommene neue Krankenhaus gebracht. Hier erfolgte am nächsten Tag eine Totalamputation des Armes. Bei allem Unglück: Der Patient war nach etwa 3 Monaten wieder so weit hergestellt, daß er sein Studium fortsetzen und später als Lehrer seinen Beruf ausüben konnte.

Am Morgen des 31. Juli fuhr nun offiziell der erste Personenzug von Dahme nach Uckro.Die dreispännige Personenpost wurde gleichzeitig eingestellt. Nun zum Alltag der nunmehr Hundertjährigen:Jahrzehnt um Jahrzehnt hat das Personal bei jedem Wetter sein Pflicht erfüllt.Doch über alltägliches wird in der Chronik nicht berichtet.


Erste Fahrplanveröffentlichung im Schweinitzer Kreisblatt Nr.90 vorn 3. 8. 1886



Mehrmals mußte der Betrieb aussetzen, weil nach tagelangem Schneefall der Zug einfach stecken blieb. Das geschah erstmals schon im Eröffnungsjahr, ,..
nämlich am 20. Dezember 1886, wo der Zug nur bis Kemlitz kam, dort mit allen Fahrgästen verblieb und am 21. Dezember wieder — ohne Uckro erreicht zu haben — nach Dahme zurückkehrte.

Das ist später mehrmals passiert, letztmalig im strengen Winter 1939/40, wo in Falkenberg der Zug von Räumkolonnen ausgegraben werden mußte .Doch schwere Unfälle mit Personenschaden hat es bisher nicht und hoffentlich auch weiterhin auf dieser Bahn noch nicht gegeben. Der vorhin geschilderte Unfall geschah ja noch vor der Eröffnung und zählt darum nicht in der Statistik. Aus dem Wirtschaftsleben unseres Kreises ist diese Bahnlinie, auch ohne Personenbeförderung, nicht wegzudenken. Doch als „Dahmer-Uckroer-Eisenbahn" (D.U. E.) unter einer gleichnamigen Aktiengesellschaft lief sie nur bis zum Jahresende 1949, denn am 11. Januar 1950 wurde sie von der Deutschen Reichsbahn übernommen. Nach der Gründung des VEB Kraftverkehr war die Personenbeförderung immer mehr rückläufig. Im Nahverkehr haben sich die Kraftomnibusse als besser erwiesen, sind doch dadurch auch wesentlich mehr Orte an das Verkehrsnetz angeschlossen, als es mit der Bahn möglich wäre. Jedenfalls war am 3. Januar 1968, um 14.30 Uhr, der Zeitpunkt gekommen,wo das Abfahrtsignal für den letzten Personenzug gegeben wurde. Wehmütig? Nein ! Denn die Kraftomnibusse fahren ja viel öfter und erschließen dem Personenverkehr mehr Möglichkeiten. Aber ein Markstein in derVerkehrsgeschichte unseres Kreises, an dem wir nicht vorüber gehen sollten,ist es schon.Bemerkenswert ist, daß noch weiterhin Dienstleistungen im Reiseverkehr erbracht werden. So machen die Bürger von Dahme und Umgebung regenGebrauch davon, nach wie vor ihre Fahrkarten bei uns zu kaufen, bzw. ihreReiseverbindungen zu erfragen oder Expreßgut aufzuliefern. Und die Bahnhofsgaststätte ist eine wichtige Versorgungseinrichtung für die umliegende Industrie und vor allem für die Arbeitskräfte, die bei jedem Wetter be- und entladen müssen. Doch das ist natürlich nicht das Wichtigste. Es geht vielmehr um den schienengebundenen Transport vieler Massengüter und Güter größeren Ausmaßes, denn sowohl die Landwirtschaft als auch die örtliche Industrie sind auf diese Transportmöglichkeiten angewiesen. Setzt man den Gesamtumschlag von 1980 gleich 100 90, so wurde er bis 1984 auf 130 90 gesteigert. Immerhin verkehren zwischen Uckro und Dahme täglich 3 Zugpaare.Anfang des Jahres 1985 wurde durch Brückenbauarbeiten der Achsdruck derStrecke verstärkt, so daß wir jetzt die Strecke mit voller Last befahren können.Es gibt hier erhebliche Reserven bei der Auslastung der Güterwagen, wobei der Zuckerrübentransport eine enorme Steigerung der Versandmenge bei gleichem Anspruch von Transportraum zu verzeichnen hat. Für die guten ökonomischen Leistungen sowie für die gute fachliche und gesellschaftliche Arbeit unserer Beschäftigten konnten wir in den zurückliegenden Jahren mehrmals mit staatlichen Auszeichnungen geehrt werden. Als höchste Auszeichnung wurden wir im Jahre 1981 mit dem Orden „Banner der Arbeit" Stufe II ausgezeichnet, worauf wir sehr stolz sind. Wir sind gewiß, daß auch in den kommenden Jahren hohe Verkehrsanforderungen an uns gestellt werden. Unser Ziel ist es auch weiterhin, die guten Ergebnisse in der Betriebssicherheit fortzusetzen sowie die Transportbedürfnisse unserer Kunden bestmöglichst zu erfüllen.

Allzeit gute Fahrt !

Regina Scholz, Reichsbahnoberinspektor


Herausgeber: Deutsche Reichsbahn, Bahnhof Dahme (Mark)
Redakteur: Günter Wagenknecht, Museumsleiter der Stadt Dahme
Regina Scholz, Leiter des Bahnhofs Dahme/Mark
Druck: VEB Lausitzdruck Hoyerswerda,
BT VI DahmeH 59-87 1-9-4