Lokschuppen Herzberg

Die Stadt Herzberg und ihr Verkehrswesen

Ein Hauch von Romantik umgab die alte Postkutschenzeit, in der die Menschen viel Zeit übrig hatten und nichts vom Hasten unseres schnelllebigen Jahrhunderts wussten. So gemütlich, wie wir uns das Reisen von Anno dazumal heute denken, ist es aber wohl doch nicht gewesen. Die Reisenden waren Beschwerden aller Artausgesetzt, hervorgerufen durch die holprigen Straßen, Kälte, Nässe und Wind, den Ärger mit erpresserischen und betrunkenen Fuhrknechten, durch häufigen Aufenthalt bei der lästigen Passkontrolle, Abgabenerhebung und den unumgänglichen Pferdewechsel.
Eine neue Zeit brach mit der Einführung der Postkutsche an. Große Verdienste hat sich in dieser Hinsicht August der Starke erworben, zumal er auch der Schöpfer einer genauen Wegeeinteilung durch die in den Jahren 1722 - 1740 errichteten Distanz - und Postsäulen war. In unserem Kreise hat sich nur eine der formschönen, mit Namenszug, Posthorn und Jahreszahl geschmückten Distanzsäulen erhalten. Die Distanzsäulen und Meilensteine enthielten auch eine nach Stunden bezeichnete Angabe über die Entfernung der an der Strecke liegenden Stationen.
Nur in der weiteren Umgebung unserer Kreisstadt sind noch heute Postsäulen erhalten, welche größtenteils in ihrem Ursprung farbenprächtig restauriert wurden. So können wir Postsäulen in Dahme, Lübben, Lübbenau, Kirchhain, Elsterwerda, Mühlberg, Bad Schmiedeberg, Wahrenbrück, Hohenbucko und Uebigau bewundern. In Bad Gottleuba steht eine Postsäule, auf welcher sogar Herzberg angeschrieben ist. Herzberg als Verkehrsknotenpunkt konnte sich wahrscheinlich keine Postsäule aus Sandstein leisten. Aus Überlieferungen soll seinerzeit in Herzberg eine Postsäule aus Holz gestanden haben, welche die Jahrhunderte nicht überlebt hatte.
Herzberg war damals schon ein bedeutender Verkehrsmittelpunkt. Dafür mag nachstehende Übersicht über die Abfertigung der Post zeugen: Es wurden abgefertigt - Montag 6, Dienstag 3, Mittwoch 4, Donnerstag 5, Sonnabend 8 Posten. Am Freitag und Sonntag fand kein gewöhnlicher Postverkehr statt.
Der Posthalter mußte 9 Pferde für die einfache Fahrposten und 30 Pferde für die Extrapost halten. Außerdem waren mehrere Besitzer in der Stadt und in den benachbarten Dörfern durch Vertrag verpflichtet, in Bedarfsfällen Pferde für Extraposten zu stellen. Die Postkutschen mussten damals schon nach einem gewissen Fahrplan ihre Zeiten einhalten, so daß die Pferde entsprechend gefordert wurden. Aus diesem Grunde richtete man an der zu fahrenden Strecke Posthaltereien ein, um die überanstrengten Pferde gegen ausgeruhte einzutauschen. Auf der Rückfahrt hatten sie sich genügend erholt, man spannte sie wieder ein und erreichte so den heimatlichen Stall. Der Höhepunkt in der Entwicklung der Staatspost durch Postkutschen war aber auch gleichzeitig der Anfang zu ihrem langsamen Niedergang.
In der Mitte der 30er Jahre tauchte das Projekt eines Bahnbaues Jüterbog - Riesa über Herzberg auf. Die Strecke wurde 1836 auf dem rechten Elsterufer abgesteckt. Der Bahnhof für Herzberg war zwischen Altherzberg und Neunaundorf vorgesehen. Die Bevölkerung weigerte sich aber, ihre Fluren für den Bahnbau herzugeben. Der Rauch der Lokomotive würde die Saaten vergiften, das weidende Vieh schädigen und die Gesundheit der Menschen beeinträchtigen. Es waren Gründe, die in dieser Zeit überall angeführt wurden, wo das Projekt eines Bahnbaues auftauchte. der geplante Eisenbahnbau wurde vorläufig aufgegeben, dafür aber in den Jahren 1845 bis 1848 die Bahnverbindung Jüterbog - Riesa in Angriff genommen und noch am 1. Juli 1848 dem Verkehr übergeben.
Bereits Jahre zuvor war der Bau eines Bahnhofs in größerer Nähe der Stadt im Gespräch. Er sollte an der Stelle gebaut werden, wo die ehemalige Brandsäule stand und sich heute die Anhalter Straße mit der neuen Leipziger Straße gabelt. Auch finanzielle Probleme waren die Ursache.
Der Bahnhof wurde zum Leidwesen der Reisenden und Fuhrwerker ca. drei Kilometer westlich von der Stadt entfernt gebaut.
Man nannte ihn in den ersten Jahren „Anhalter Bahnhof", um die Jahrhundertwende „Staatsbahnhof", nach dem Ersten Weltkrieg „Reichsbahnhof' und nach dem Zweiten Weltkrieg „Bahnhof West". Im Volksmund nennt man noch heute die verschiedenen Bezeichnungen, auch „Alten Bahnhof".

 

Quelle: Werner Reinhardt
Herzberger Heimatkalender 1994